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Pressemitteilung

Berlin, 16. November 2017

Individuelle Leistung bei wissenschaftlichen Artikeln bleibt trotz Beitragserklärungen unklar

In vielen Wissenschaftlerteams gibt es heikle Diskussionen darüber, welcher Name an erster und letzter Stelle stehen oder überhaupt als Autor von wissenschaftlichen Artikeln gelistet werden sollte. Viele Fachzeitschriften wie Science und Nature versuchen inzwischen, mehr Informationen über die jeweiligen Leistungen der Autoren zu vermitteln, indem sie explizite Erklärungen verlangen. Nach einer Studie eines Forschungsteams des Georgia Institute of Technology/ESMT Berlin und der Universität Passau sind solche Erklärungen aber weniger hilfreich als die Reihenfolge der Autoren.

Für die Arbeit, die am 15. November in Science Advances erschien, befragten die Wissenschaftler mehr als 6000 Autoren von Studien, die in den letzten Jahren veröffentlicht wurden. Danach berücksichtigen die Leser von wissenschaftlichen Artikeln zwar die Beitragserklärungen, um die unterschiedlichen Fähigkeiten der Autoren zu verstehen. Aber sie nutzen immer noch die Autorenreihenfolge, um zu dechiffrieren, welcher Wissenschaftler wie viel beigetragen hat und welche Anerkennung er dafür verdient.

Autorenschaft ist für Wissenschaftler von größter Wichtigkeit. Publikationen sind entscheidend für eine Karriere an Universitäten und Forschungseinrichtungen, und die Reihenfolge der Autoren ist ein weitverbreiteter, aber unpräziser Weg, Beiträge von Wissenschaftlern nachzuweisen. Das Problem mit den Beitragserklärungen sei teilweise, dass sie nicht immer verfügbar seien, und wenn sie da seien, dann leider ohne eine einheitliche Struktur zu haben, sagt Henry Sauermann, der die Forschung als Associate Professor am Georgia Tech's Scheller College of Business durchgeführt hat.

„Das Fehlen von Einheitlichkeit und detaillierten Informationen bei Beitragserklärungen gibt Raum für verschiedene Interpretationen, was ein Grund dafür sein könnte, dass nur eine Minderheit von Befragten sie nützlicher findet als die Anordnung von Autoren“, sagt Sauermann, der inzwischen Associate Professor of Strategy und POK Pühringer PS Chair in Entrepreneurship an der ESMT Berlin ist.

Unter den zehn prominentesten wissenschaftlichen Zeitschriften bieten nur zwei standardisierte Vorlagen für Beitragserklärungen an, und nur eine verlangt Genauigkeit auf Beitragsebene. Eine davon veröffentlicht die Beitragserklärungen nicht regelmäßig, obwohl sie bei Einreichung der Artikel verlangt werden.

Das Forschungsteam hat auch die Beziehung zwischen der Reihenfolge der Autoren (z.B. Erst- vs. Letztautor) und Beitragserklärungen bei über 12000 veröffentlichten Artikeln untersucht und herausgefunden, dass diese oft nicht miteinander abgestimmt sind. Während die Beitragserklärungen Informationen über die Art der beigetragenen Arbeit jedes Autors beinhalten, stellen sie wenig Informationen über die Menge des Aufwands zur Verfügung. Dies ist besonders problematisch, wenn mehrere Autoren unter denselben Beiträgen gelistet werden, schreiben Sauermann und Carolin Haeussler.

Beitragserklärungen sagen außerdem wenig darüber aus, wie wichtig ein einzelner Beitrag für den Erfolg eines Projekts ist. „Unterschiede in der Wichtigkeit von bestimmten Beiträgen in Projekten können zum Beispiel erklären, warum einige Teams prominente Autorenpositionen Personen zuordnen, die primär empirische Beiträge gemacht haben, wohingegen andere diese Positionen denen geben, deren Beiträge konzeptionell waren“, schreiben die Autoren.

Dennoch hat die Reihenfolge der Autoren ihre eigenen Schwierigkeiten: „Viele Wissenschaftler sagten in unseren Interviews, dass es bestimmte Normen gäbe und sie wüssten, wie sie die Reihenfolge der Autoren interpretieren sollten“, sagt Sauermann. „Aber wenn man deutlich nachfragt, ist es überhaupt nicht klar – zumindest nicht auf der detaillierten Ebene, die wir benötigen.“ Dieser Umstand wird darüber hinaus dadurch verkompliziert, dass die Konventionen der Autorenreihenfolge abhängig vom Forschungsfeld variieren. Die Studie hat außerdem einen interessanten Meinungsunterschied zwischen Nachwuchs- und etablierten Wissenschaftlern offenbart. Ersteren sind demnach Beitragserklärungen und wie diese diskutiert und verarbeitet werden, wichtiger als Letzteren.

„Wenn wir die Antworten zu unserer Umfrage lesen, bekommen wir den Eindruck einer sehr geteilten Gemeinschaft,“ sagt Sauermann. „Einige glauben, dass es großartig ist, mehr Details in Beitragserklärungen zu erzwingen und einige sind besorgt, dass das der Team- und Zusammenarbeit wirklich schaden könnte. Es ist nicht so, als wären alle nur halbherzig dabei – viele haben ganz klare, aber eben oft gegensätzliche Meinungen.“

Dieses rege Interesse könnte den Weg für weitere Diskussionen ebnen. Diese sind laut Sauermann auch dringend benötigt, damit sich die Wissenschafts- und Forschungsgemeinschaft nach vorne bewegt und mehr Klarheit in den Prozess kommt. „Der Prozess wird nicht einfacher, sondern schwieriger werden, da sich Forschungsprozesse ständig ändern und die Teams größer und vielfältiger werden“, kommentiert Sauermann.

Die gesamte Studie finden Sie hier:
Henry Sauermann und Carolin Haeussler, "Authorship and contribution disclosures", (Science Advances, 2017). http://advances.sciencemag.org/content/3/11/e1700404

Pressekontakt
Ulrike Schwarzberg, +49 (0)30 21231-1066, ulrike.schwarzberg@esmt.org
Martha Ihlbrock, +49 (0)30 21231-1043, martha.ihlbrock@esmt.org

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