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Management-Lehren vom BVB

Berlin, den 1. März 2013

Ein Interview mit Urs Müller, Programmdirektor an der ESMT, der gemeinsam mit Ulrich Linnhoff (ESMT-Fakultätsmitglied) und Prof. Bernard Pellens (Universität Bochum) Autor der Studie „Defining the purpose for Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA“ ist. Die Fallstudie hat gerade die ECCH Case Writing Competition 2013 in der Kategorie „Hot Topic“ gewonnen.

Urs Müller

Urs, du hast gerade eine Studie zum Fußballverein Borussia Dortmund veröffentlicht und dafür einen wichtigen Preis erhalten – hast du den BVB gewählt, um die Fußballfans unter den Managern zu begeistern?

Urs Müller: Nein, nein, das war bestimmt nicht meine Hauptmotivation – obwohl es natürlich hilft, wenn man grundlegende Management-Herausforderungen anhand von Beispielen diskutiert, die man besonders spannend findet. Aber ich kann mir kaum vorstellen, über einen anderen Fußballverein eine Fallstudie zu schreiben; für unseren Zweck brauchten wir die in Deutschland einmalige Konstellation des BVB.

Was war denn dann das Besondere am BVB?

Urs Müller: Der BVB hat nicht nur eine sehr interessante Geschichte: Er war zu seinem hundertjährigen Bestehen 2009 – und ist auch noch heute – der einzige deutsche Fußball-Verein, dessen Aktien an der Börse gehandelt werden. Dabei war seine Identität mit starken Wurzeln in der Arbeiterklasse Dortmunds eigentlich sehr bodenständig. In seinen ersten neun Jahren an der Börse hatte der Verein bis 2009 allerdings einen kumulierten Verlust von mehr als 145 Millionen Euro angehäuft und die Geschäftsführung stand vor wichtigen Entscheidungen.

Und was musste sie entscheiden?

Urs Müller: Die Fragen waren ganz grundlegend: Was war die Identität und das Ziel des BVB? Sollte sich die Geschäftsführung darauf konzentrieren, Gewinn zu machen – war das überhaupt möglich? Oder war es wichtiger, die Fans und die gewachsene Tradition im Blick zu behalten? Und ganz konkret: Was sollte sie den enttäuschten Aktienbesitzern anbieten?

Sind diese Fragen nicht sehr speziell? Nicht alle Manager, die die Fallstudie bearbeiten, werden wohl später einen Fußballverein leiten…

Urs Müller: Aber die Problematik, die die Studie darstellt, ist doch nicht auf einen Fußballverein beschränkt. Es sind fundamentale Fragen, die sich jede Organisation stellen sollte: Was ist eigentlich der höhere Zweck? Welche Legitimität haben die Wünsche der verschiedenen Interessensgruppen? Und wie sollten sie sich in der Organisations- und Entscheidungsstruktur wiederspiegeln?

Und hat der BVB die Schwierigkeiten letztendlich gelöst?

Urs Müller: Die fundamentale Fragestellung der Fallstudie ist wahrscheinlich überhaupt nicht „letztendlich“ zu lösen. Die Festlegung des Hauptzwecks einer Organisation – ob Unternehmen, Verein oder sonstige Institution – ist eher eine dauerhafte Management-Herausforderung, die kontinuierliche Anpassungen an die potenziell konfligierenden Interessen verschiedener Interessensgruppen erfordert. Aber was die ökonomische Situation anbelangt kann man immerhin feststellen, dass der BVB heute finanziell auf soliden Füßen steht – und sie haben nicht nur die beiden letzten deutschen Meisterschaften, sondern auch den letzten DFB-Pokal gewonnen.