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Management-Lehren vom Currywurst-Imbiss

Berlin, den 4. Juli 2012

Veit Etzold and Urs Müller

Ein Interview mit Veit Etzold und Urs Müller, Programmdirektoren an der ESMT und Autoren einer Management-Studie zu „Konnopke’s Imbiss“, einem bekannten Currywurst-Stand in Berlin. Die Studie hat die EFMD Case Writing Competition 2011 in der Kategorie „Family Business“ gewonnen.

Urs und Veit, ihr habt gerade eure Studie zu „Konnopke’s Imbiss“ veröffentlicht und dafür sogar einen Preis erhalten – was ist das Besondere an eurem Fall?

Urs: Er zeigt, dass man nicht unbedingt modischen Management-Regeln folgen muss, wenn man Erfolg haben will. Viele betriebswirtschaftliche Aus- und Weiterbildungsprogramme vermitteln bloß Einzeltechniken, bis die Teilnehmer am Ende über die Grenzen der Intelligenz hinaus trainiert sind. Unser Fall zeigt dagegen, wie wichtig holistisches Denken ist. Die Besitzerin Waltraud Ziervogel ist schon immer ihren eigenen Weg gegangen und hat dabei außer Kunden und Wettbewerbern vor allem ihr eigenes Unternehmen nie aus dem Blick verloren. Die Gründungsgeschichte und die dadurch entstandene Firmenkultur und ihre Werte haben einen wichtigen Anteil an der Erfolgsgeschichte von „Konnopke’s Imbiss“.

Veit: Waltraud Ziervogels Vater Max Konnopke hat „Konnopke’s Imbiss“ 1930 in Berlin gegründet, sie ist 1958 das Geschäft eingestiegen und hat es 1976 übernommen. Egal ob Nachkriegsdeutschland, DDR oder wiedervereinigtes Berlin, Konnopke’s war immer der Fels in der Brandung, der sich treu geblieben ist. Und das macht sicher den Kult-Charakter der Marke aus.

Wie seid ihr überhaupt darauf gekommen, dass angehende Manager etwas von der Inhaberin eines Fast-Food-Stands lernen können?

Urs: Gutes Management kann man nicht nur, oder vielleicht auch gerade nicht, von Großkonzernen lernen, auch kleinere Familienunternehmen müssen sich positionieren und Strategieentscheidungen treffen. „Konnopke’s Imbiss“ ist eine besondere Berliner Erfolgsstory. Der Stand unter den U-Bahnschienen der U2 im Prenzlauer Berg steht in fast allen Berlin-Reiseführern und ist als Berliner Original und Marke fest etabliert. Aber 2010 stand die Besitzerin Waltraud Ziervogel plötzlich als 74-Jährige vor schwierigen Geschäftsentscheidungen.

Und zwar?

Veit: Senat und BVG hatten angekündigt, dass der Stand wegen Renovierungsarbeiten an der U-Bahn entweder für ein Jahr geschlossen werden oder umziehen müsse. Manchmal sind solche tiefgreifenden Änderungen ja Anlass, die Gesamtstrategie des Unternehmens überhaupt zu hinterfragen oder neu aufzusetzen. Und so ging es dabei schnell um die gesamte zukünftige Ausrichtung des Geschäfts: Sollte der Betrieb expandieren? An einen für Touristen besser erreichbaren Standort ziehen? Sich dem inzwischen sehr hippen Prenzlauer Berg und seinem Nachtleben anpassen? Außerdem stand die Frage der Nachfolge im Raum, beide Kinder von Frau Ziervogel waren im Geschäft involviert. 

Wie hat Frau Ziervogel die Fragen gelöst?

Urs: Anders als man erwarten könnte, wahrscheinlich jedenfalls sehr anders als Schulbuch oder Beraterweisheit empfehlen würden: Es kam zu keiner Neuausrichtung, sondern der Imbiss hat nach Abschluss der Renovierungsarbeiten einfach in fast identischer Form am gleichen Ort wiedereröffnet. Lediglich das Äußere des Imbiss wurde modernisiert und es gab eine größere, überdachte Fläche, wo man sich hinsetzen konnte. Ansonsten hat Frau Ziervogel weder die Preise erhöht, noch das Angebot erweitert.

Veit: Die Geschichte von „Konnopke’s Imbiss“ zeigt, dass es nicht immer sinnvoll ist, zu expandieren und sich einer veränderten Umgebung um jeden Preis anzupassen. Für Waltraud Ziervogel stand die Bewahrung der eigenen Identität und damit des Markenkerns im Vordergrund. Das führte dann z.B. zu Entscheidungen, trotz des vorhandenen Potentials von hungrigen Nachtschwärmern abends keine verlängerten Öffnungszeiten einzuführen. Das muss kein Geschäftsnachteil sein: Denken Sie an Apple, die haben es Kunden in New York sogar verboten, mehr als zwei iPads gleichzeitig zu kaufen. Knappheit kann schließlich auch den Wert einer Ware nach oben treiben. Und im Fall von Konnopke’s Imbiss ist das gelungen, wie die nach wie vor langen Schlangen vor dem Stand beinahe jeden Tag eindrucksvoll belegen.